Warum gibt es überhaupt Ghostwriter?

Eigentlich zählt doch die Ehrlichkeit zu einer der wichtigsten Tugenden, die wir auch unserem Nachwuchs so früh wie möglich einbläuen. Wie war das noch – Ehrlich währt am längsten? Und im Prinzip ist die Beauftragung eines Ghostwriters doch auch nichts anderes als das Phänomen, bei dem sich Schüler die Hausarbeiten von anderen Mitschülern oder ihren älteren und vielleicht klügeren Geschwistern oder Bekannten schreiben lassen – die Erschleichung der Anerkennung für eine Leistung einer dritten Person. Aber wer will schon schlechte Noten, wenn gute wie eine Belohnung wirken und schlechte wie eine demütigende Bestrafung? Genau dort liegt der Hund vermutlich auch schon begraben. Denn das Problem ist, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der der Präsentation und Erscheinung mehr Bedeutung beigemessen wird als der dahinterliegenden Realität.

Das Streben nach Anerkennung in vielen Lebensbereichen resultiert größtenteils aus der Tatsache, dass die Lorbeeren und wirklich gut bezahlte Jobs oder Positionen am ehesten nur mit entsprechenden Leistungsnachweisen zu bekommen sind. Denn nur die wenigsten Menschen erhalten heiß begehrte Anstellungen, weil sie aus gutem Hause kommen oder freundlich, sympathisch und talentiert sind. Wenn schon die Noten im Curriculum Vitae nicht stimmen und man auch sonst nicht mit Titeln glänzen kann, sind die Chancen schlecht.

No Business like Show-Business

Natürlich könnte man dagegensetzen, dass Ghostwriter auch von ehrlichen Menschen beauftragt werden, weil es diesen einfach nur an der nötigen Zeit fehlt, die Texte selber zu schreiben. Doch das macht die Sache kein Stück ehrlicher. Auch Politiker, die Reden zum Besten geben, die sie nicht mal ansatzweise selbst formuliert haben, präsentieren am Ende des Tages nur ein nettes vorgefertigtes Image. Kommt dieses bei den Wählern an, ist das nächste Etappenziel auch schon erreicht. Co-Autorschaft hingegen ist eine weitaus weniger verruchte Baustelle.

Beim Ghostwriting finden einfachste Prinzipien der Marktwirtschaft Anwendung: Es gibt eine Nachfrage und ein Angebot. Zentral steht das Produkt – der Text. Das Angebot bildet sich logischerweise, weil man damit Geld verdienen kann. Die Nachfrage entsteht vor allem dadurch, dass die meisten Menschen ein großes Interesse daran hegen, das bestmögliche Renommee zu genießen. Als Auftraggeber erspart man sich, einfach gesagt, die Zeit und den Arbeitsaufwand und bezahlt für die gewünschte Leistung. Manchen fehlt es vielleicht an der nötigen Begabung auf dem jeweiligen Fachgebiet. Wieder andere, vermutlich finanziell privilegiertere, sehen vielleicht gar keine Notwendigkeit, sich mit den Aufgaben selbst zu befassen, wo es doch viel leichtere Lösungen gibt, sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

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